Welche Art von Erfahrungs- und Assoziationsräumen eröffnet die Frage: An was erinnert dich Fadenspiel? Im folgenden Beitrag untersuche ich, entlang Donna Haraways Konzept des Fadenspiels (Haraway 2018: 19–47), welche Erinnerungsbilder und Geschichten diese Frage bei Personen aus Kunst, Kultur und Bildung aktiviert. Mich interessiert dabei, welche situativen Assoziationsketten das Zusammenstellen von situierten Erinnerungen und Geschichten im Kontext von Bildungsinstitutionen, wie etwa (Hoch-)Schulen oder Ausstellungshäusern eröffnet, um sich ein Zusammenleben unterschiedlicher Lebensformen vorzustellen: Welche Schlagwörter und Themen tauchen immer wieder auf und wie werden diese in den individuellen Geschichten verhandelt? Welche Anknüpfungspunkte stellen sich dar, wenn die Positionen der Teilnehmenden zueinander in Beziehung gebracht werden? Dargestellt in einer visuellen Kartierung entsteht ein situierter Assoziationsraum: Knotenpunkte machen die Beziehungsweisen zwischen Blickwinkeln und Positionen als Fadenspiel sicht- und imaginierbar. Edition#2
Inspiration und Ausgangspunkt für das Projekt war der konzeptionelle Begriff des Fadenspiels. Dieser Begriff stammt aus der aus dem Buch Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän (2018) der Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway. Sie beschreibt das Fadenspiel als ein Spiel der Geschichten. Erinnerungen, die von Hand zu Hand geht, bei denen situierte Lebensgeschichten aufeinandertreffen, indirekte Beziehungen entstehen, ein Zusammentreffen der unterschiedlichen Lebensformen (vgl. Haraway 2018: 20). Dies empfand ich als faszinierende Denkfigur. Anhand dessen interessierte mich besonders, wie solch ein besonderer Resonanzraum visuell greifbar gemacht werden kann. Auf dieser Basis bildete sich meine Forschungsfrage, um einen Zugang zu den situiert situativen Erinnerungen zu eröffnen: An was erinnert dich Fadenspiel?
Für die Umsetzung entschied ich mich für ein Kartierungsmodell. Darin nutze ich das Konzept des Fadenspiels (Haraway: 2018) als Ausgangs- und Strukturprinzip. Es ist in Anlehnung an das Vorgehen der Constructing Grounded Theory (2006)1 von Kathy Charmaz entstanden. Ich nutze diese Methode der Kartierung, um gemeinsame Verstehensprozesse mit pluralen Ansichten zu vereinfachen und greifbar zu machen. Besonders in bildenden Feldern, in denen vielfältige Perspektiven aufeinandertreffen, werden damit gemeinsame Beziehungsweisen sicht- und formbar.
Fadenspiel_Prozesseinheiten
Der Erstellungsprozess des kartierten Fadenspiels ist in folgende Prozesseinheiten unterteilt:
EINLADEN_FÄDEN IN DIE HAND GEBEN
Die offene Forschungsfrage2 An was erinnert dich Fadenspiel? wurde 25 Teilnehmende aus dem Kunst-, Kultur- und Bildungsbereich und unterschiedlichen Alters gestellt. Die Teilnehmenden verkörpern plural situierte Lebensformen. Diese ergeben sich einerseits aus ihren unterschiedlichen biografischen Erfahrungen. Andererseits treffen sie in den genannten Berufsfeldern stets auf unterschiedliche Lebensrealitäten. Sie müssen sich durch diese navigieren, zwischen diesen Realitäten vermitteln sowie den Prozess dahinter reflektieren. Dabei werden sie täglich mit dem Aufeinanderstoßen unterschiedlicher Narrative und Bedeutungsräume konfrontiert. Deshalb wurden sie eingeladen, genau jene Erfahrung im Umgang mit Bedeutungsräumen und pluralen Perspektiven zu nutzen, um ihre Assoziationen und Geschichten zu dieser Frage mitzuteilen. Dies geschah in Form von mündlichen Interviews. Diese wurden im Anschluss anonymisiert.
FÄDEN KNOTEN_ BEZIEHUNGSWEISEN ERSTELLEN
Bei der Betrachtung der Transkripte ließen sich auf den ersten Blick wiederkehrende Motive und Wörter in den Erklärungen erkennen. Obwohl die Erzählungen situiert-individuell geprägt sind, zeigten sich erste Überschneidungen in den thematischen Feldern auf.3
Aus diesem Zusammenspiel entstand ein Assoziationsfeld, in dem sich erste Beziehungsweisen abzeichnen. Anhand dieser assoziativen Überschneidungen leitete ich, ausgehend von meiner situierten Perspektive, Kategorien ab. Ich verstehe diese Kategorien als situierte Knotenpunkte. In diesen Knotenpunkten laufen die individuellen Erinnerungsfäden der Teilnehmenden zusammen.
Interview 1: „[…] Kinderspiel, das wir im Hort hatten […]“
Interview 12: „[…] Ich höre das Lachen auf dem Pausenhof, das Klirren der Schultüren […]“
Meine situierte Beobachtung: Viele Befragte reden assoziativ über (ihre eigene) Kindheit und/oder damit verbundene Erinnerungen bei der Beantwortung der Frage. Sie nutzen dabei zudem oft Wörter wie Kind/-heit (oder entsprechende Synonyme) sowie Vergangenheitsformen. Oftmals werden auch Institutionen genannt, die in der Kindheit besucht wurden, beispielsweise die Schule oder der Hort.
-> DARUS ENSTEHT DER ZUSAMMENFASSENDE KNOTENPUNKT: KINDHEITSBEZUG/-ERINNERUNG4
FADENSPIEL_VERNETZEN UND KONSTRUIEREN
Wie werden nun die Beziehungsweisen visualisierbar? Die zuvor abgeleiteten Knotenpunkte werden zunächst miteinander verknüpft. Für das Fadenspiel bedeutet dies, sichtbar zu machen, wie sich die Erinnerungsfäden der Teilnehmenden berühren, kreuzen oder auch voneinander abweichen. Die gewählte Form ist der Kartierung ist in ihrer Struktur an Haraways Fadenspiel (2018) angelehnt. Das Fadenspiel erstellte ich nach einem Muster, das zeigt, wie ich dieses Konzept aus meiner verorteten Perspektive interpretiert und visuell übersetzt habe:
Der Bewohnte Raum (vgl. Haraway 2018: 21):
Jedes Interview wird durch einen Kreis mit der jeweiligen Interviewnummer symbolisiert. Die Interviews sind in einer Kreisform angeordnet.
Partielle Verbindungen des Mit-Werdens (vgl. Haraway 2018: 24-26):
Die Knotenpunkte sind als unterschiedlich farbige Kreise dargestellt: Sie markieren die Überschneidungen, die ich aus meiner situierten Perspektive in den Aussagen identifiziert habe. Je mehr Übereinstimmungen, desto größer und zentraler wird ein Knotenpunkt. Je weniger Übereinstimmungen, desto weiter rückt er nach außen „Verbindungen“, die „Verbindungen verbinden“ und „Verbindungen, die zählen“ (Haraway 2018: 23; 21): Die Linien zeigen, welche Interviews an der Bildung eines Knotenpunkts beteiligt sind, sie werden stärker, je häufiger eine Überschneidung vorliegt.
„Verwicklungen verfolgen‘‘ (Haraway 2018: 20):
In den Transkripten sind jene Textstellen farblich markiert, aus denen meine situierte Perspektive Knotenpunkte gebildet hat, die Markierungsfarbe entspricht denen der respektiven Knotenpunkte.
Das Gesamtbild zeigt ein Beziehungsgeflecht, in dem sichtbar wird, wie stark verschiedene Erinnerungsstränge miteinander verbunden sind:
Abbildung 1: Exemplarische Ansicht der Kartierung
Abbildung 2: Interviewbeispiel mit Markierung aus meiner situierten Sicht
Die komplette Kartierung als PDF kann hier herunter geladen werden
Auswertung der Kartierung
Die Frage: An was erinnert dich Fadenspiel? aktiviert Erinnerungen, die von den Teilnehmenden auf unterschiedliche Weise verhandelt werden. Sie reichen von sensorisch verkörperten Eindrücken (etwa Lachen, Bewegungen oder Stimmengewirr) bis hin zu narrativen Rückgriffen auf biografisch bedeutsame Erlebnisse. Andere Teilnehmende antworten in Form metaphorischer, symbolischer oder konzeptueller Deutungen des Fadenspiels (z. B. als Symbol für Verbindung oder für zwischenmenschliche Beziehungsdynamiken). Dabei treten die drei Knotenpunkten mit den häufigsten Überschneidungen hervor, welche exemplarisch zur Auswertung genutzt werden sollen:
Spielbezug (in 13 der Interviews)
Beispiele.:
– Interview 2: „[…] erinnert mich an Geschicklichkeit, an Spiel […]“
– Interview 4: „[…] ein Geschicklichkeitsspiel […]“
Kindheitsbezug/-erinnerung (in 10 der Interviews):
Beispiele.:
– Interview 1: „[…] Kinderspiel […] im Hort […]“
– Interview 16: „[…] Pausenhof, das klirren der Schultüren […] “
Zwischenmenschlich/-e Beziehung (in 9 der Interviews)
Beispiele.:
– Interview 13: „[..] wen man in seine Nähe lässt […]“
– Interview 16: „[…] mit meiner Oma […]“
Diese Knotenpunkte bilden einen gemeinsamen Resonanzraum. In diesem wird visualisiert, wie sich plural situierte Lebensformen im Erinnern kreuzen und berühren. Es entsteht ein relationales Assoziationsnetzwerk, in diesem begegnen sich individuelle situierte Erfahrungen (beispielsweise das im Hort gespielte Fadenspiel) und relationale Bedeutungsräume (etwa das allgemeine Erzählen über Fadenspiele als Kindheitsassoziation). Die Knotenpunkte ähneln dem Prinzip des becoming with, also dem Gedanken, dass Bedeutungen nicht allein, sondern im Gemeinsamen entstehen. Sie verdichten sich dort, wo sich Erfahrungen berühren (vgl. Haraway 2016: 16–19). Die Knotenpunkte verdeutlichen Erinnerungen, die die Befragten unabhängig von ihren Hintergründen durchlaufen. Dabei sind diese nicht universelle, sondern situierte Formen der Verbundenheit (vgl. Haraway 2008: 20; Haraway 2016: 13, 23). Es werden jene Erinnerungs- und Assoziationsräume aktiviert, in denen die Teilnehmenden die erste Erfahrung von Verbindungen und sozialem Miteinander, also der Kindheit oder im Spiel, sammeln. Insgesamt wird das Fadenspiel von den Teilnehmenden primär als Symbol für Verbundenheit verstanden. Genau jene Dynamik ähnelt Haraways Idee des Miteinander-Verwoben-Seins (vgl. Haraway 2018: 72). Die häufigsten Knotenpunkte (Kindheit, Spiel und Beziehung) beschreiben genau jene Erfahrungsräume, an denen solche Verflechtungen entstehen. Das Fadenspiel wird zu einem Auslöser, der dieses kollektive Gedächtnisbild, also eine Art Common Ground (vgl. Clark/Brennan 1991)5 aktiviert. Mit dem dadurch entstehende Assoziationsraum werden Beziehungen als relationale Berühungspunkte beschreibbar.
Mit dem Setzen der Knotenpunkte, werde ich als Forschende Teil des Fadenspiels. Ich nehme Fäden wahr und entscheide, wie diese arrangiert werden. Dabei wird meine eigene Situiertheit dargestellt und unmittelbare Fragen zu meiner eigenen Position werden in den Blick gerückt:
– Warum verbindet eine Person „Fadenspiel“ mit Zahnseide?
– Warum kategorisiere ich die Erzählung eines Puppenspieles zu dem Knotenpunkt Macht und Manipulation und nicht zu einem anderen?
– Wir haben doch beide den Text von Haraway im Seminar gelesen, haben jedoch eine komplett unterschiedliche Lesart, habe ich etwas falsch verstanden?
Hervor tritt, dass sich nicht nur ein Assoziationsraum abbildet, vielmehr entsteht mit der Darstellung der Knotenpunkte und ihren Beziehungsweisen für mich auch ein Erkenntnisraum. In diesem Raum erzeugen Erinnerungen relationale Konstruktionen sowie Muster aus Differenz und Resonanz. Zeitgleich entstehen Beziehungen aus dem Vergleich meiner eigenen und fremden Deutungsbahnen. Obwohl sowohl ich als auch die Teilnehmenden aus ähnlichen akademischen oder beruflichen Feldern kommen, zeigen ihre Antworten und meine Vernetzungen, wie unterschiedlich Erinnerungen, ihre Lesearten und Bedeutungsbezüge trotz eines gemeinsamen Bezugsrahmens ausfallen.
Die Kartierung zeigt, wie Wissen im Modus relationaler Bezüge entsteht. Für das akademische und bildend Feld bedeutet dies, dass Erkenntnisprozesse nicht nur durch einseitige Wissensvermittlung entstehen. Vielmehr werden sie durch Aushandlungsprozesse zwischen unterschiedlichen Akteur*innen geprägt. Durch die Visualisierung solcher Beziehungsgefüge werden mit der Methode der Kartierung Erkenntnisprozesse gefördert. Sie macht sichtbar, wo Resonanzen entstehen und wo Differenzen herrschen. Situierten Erfahrungen können so als Ressource in gemeinsamen Arbeitsprozessen genutzt werden, um einen gemeinsamen Bedeutungsraum zu eröffnen.
Ich stelle mir insbesondere in Bezug auf meine eigene Verortung im Professionsfeld Bildung und Kunst die folgenden Fragen:
Wie stehen wir in Bildungsinstitutionen nebeneinander mit berührenden, kollidierenden und resonierenden Perspektiven? // Wie sind meine Mitmenschen und situierten Lebensformen verbunden? // Bilden plurale Perspektiven keine Einheit, sondern durch ihre Unterschiede einen Bedeutungsraum? // Wie nutzen wir Gemeinsamkeiten und Brüche in unseren Lebensformen, ohne diese aufzulösen, um synergetische Assoziationsräume zu schaffen? // Wie nutze ich mein eigenes Verständnis und Missverständnis von Dingen, um in Beziehung mit anderen zu treten? // Ich hinterfrage meine Rolle im Fadenspiel konstant: Wie gehe ich mit meiner situierten Sicht um, in der Institution, als Pädagogin und in menschlichen Beziehungen?
1Constructive Grounded Theory nach Charmaz (2006) beschreibt in aller Kürze, eine Auswertungsmethode, bei welcher die Theorie während der Auswertung der Daten konstruiert wird. Dabei wird betont, dass das Forschen und das Auswerten von der eigenen Subjektivität und Situiertheit geprägt ist. Dies wird als produktiv verstanden. Das Forschen wird als flexibler Aushandlungsprozess gesehen, indem Forschende stets reflektieren, vor und zurück gehen und aktive Mitgestalter*innen der entstehenden Theorien sind.
2Die Offenheit der Forschungsfrage soll bewirken, dass die Daten unvoreingenommen, situiert und alltagsnah erhoben werden. Dies verfolgt den Aspekt des Sensitizing Concept, also eines offenen, noch nicht definierten Konzepts. Dabei wird der Forschungsprozess als eine Art Erkundungstour gesehen, ohne potenzielle Antworten unmittelbar in ein Raster zu stecken (vgl. Charmaz 2006: 17, Truschkat/Kaiser-Belz/Volkmann 2011: 360–361).
3Beim Initial Coding erfolgt die Konzeptualisierung parallel zum Material (vgl. Charmaz 2006: 18), das heißt, der Code wird direkt aus dem Text übernommen. Für die Betrachtung des Fadenspiels bedeutet dies: Was fällt inhaltlich zunächst auf.
4Dieser Schritt ist angelehnt an das Focused Coding, bei welchem sich eine Analyse auf besonders aussagekräftige, wiederkehrende oder verbindende Aussagen fokussiert. Zentrale Bedeutungscluster werden dabei erst im Prozess ermittelt. Die Daten und die situierte Perspektive der Forscher*in stehen zudem in einer Wechselwirkung zueinander. Insofern wird die Bedeutung der Daten durch aktive Interpretation herausgearbeitet (vgl. Charmaz 2006: 18; Charmaz 2011: 193, 197). Dieser Prozess wird bei Charmaz (2006) als Integrative Phase bezeichnet. Dabei werden einzelne Codes – hier Knotenpunkte – in relationale Verbindungen gesetzt. Bedeutung entsteht ausgehend von einem Beziehungsgewebe (vgl. Charmaz 2006: 90). Fadenspiele können in diesem Sinn als Beziehungsgewebe verstanden werden. Partielle Verbindungen, die erst in einem relationalen Netz Bedeutung herbringen (vgl. Haraway 2018: 20).
5Angelehnt an die Theorie von Clark/Brennan (1991) bezeichnet ein Common Ground eine gemeinsame Wissensbasis, eine Art Verstehensfundament. Dies geschieht in wechselseitigem Wissensaustausch. Mit der Frage „Woran erinnert dich Fadenspiel?“ wird einen solcher gemeinsamer Common Ground – ein geteilter Bedeutungsraum – aktiviert.
Charmaz, Kathy C. (2006): Constructing Grounded Theory: A Practical Guide Through Qualitative Analysis. London: Sage.
Charmaz, Kathy C. (2011): Den Standpunkt verändern: Methoden der konstruktivistischen Grounded Theory. In: Mey, Günter/Mruck, Katja (Hg.), Grounded Theory Reader. Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 181–207.
Clark, Herbert H./Brennan, S.E. (1991): Grounding in communication. In: L.B. Resnick/J.M. Levine/S.D. Teasley (Hg.), Perspectives on socially shared cognition. Washington, DC: American Psychological Association, S. 127–149.
Haraway, Donna (2008): When Species Meet. Minneapolis/London: University of Minnesota Press.
Haraway, Donna (2018): Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Frankfurt/Main: Campus Verlag.
Truschkat, Inga/Kaiser-Belz, Manuela/Volkmann, Vera (2011): Theoretisches Sampling in Qualifikationsarbeiten: Die Grounded-Theory-Methodologie zwischen Programmatik und Forschungspraxis. In: Mey, Günter/Mruck, Katja (Hg.), Grounded Theory Reader. Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 361–385.