Die Begleitforschung schafft eine verlässliche Grundlage für Reflexion, Qualitätssicherung und die Weiterentwicklung des Programms. Sie ist wichtig, weil das Mentor*innenprogramm auf nachhaltige persönliche Entwicklungen der Teilnehmenden sowie auf strukturelle Verbesserungen im Zugang zu künstlerischen Berufsfeldern ausgerichtet ist. Durch die systematische Begleitung werden zentrale Fragen sichtbar: Wie verändert sich das berufliche Selbstverständnis der Mentees? Gewinnen sie mehr Sicherheit in ihrer künstlerischen Praxis und in ihrer beruflichen Orientierung? Welche strukturellen Hürden zeigen sich im Verlauf, und wie können diese langfristig reduziert werden? Zudem unterstützt die Begleitforschung den kontinuierlichen Austausch und die gemeinsame Reflexion aller Beteiligten, Mentor*innen, Mentees und Projektteam. Sie ermöglicht eine bedarfsorientierte und flexible Weiterentwicklung des Programms, bereits während der Durchführungsphase, da Anpassungen zeitnah und auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse umgesetzt werden können.
Im Format Move-out: Ein gemeinsamer FUTURE MOVE… wird Silke Ballath Einblicke in die Überlegungen zur Begleitforschung geben. Der Fokus dieser Forschung liegt von Beginn an auf der Begleitung der unterschiedlichen Prozesse im Programm. Uns interessiert, wie wir die Bedingungen der Zusammenarbeit befragen, erweitern und in Bewegung bringen können.
1 Begleitforschung: Die Genese
Als mich Future Move Tanz 2022, ein Jahr vor dem ersten Durchlauf, fragte, ob ich die Begleitforschung für das Programm konzipieren und durchführen würde, ging es für mich zunächst einmal darum, die Grundidee von Future Move Tanz zu verstehen. Wir sprachen über die Erwartungen und die Motivation das Programm ins Leben zu rufen, an wen es sich richten würde, welche Inhalte und Module vermittelt werden sollten, welche Partner*innen Teil des Programms sein würden, und so weiter. Uns stellten sich also Fragen wie:
Was verstehen wir unter einer Begleitforschung?
Was sollen die Rahmenbedingungen dieser Begleitforschung sein?
Und welches Ziel verfolgen wir damit?
Schon damals stand der Fokus auf einer Prozessreflexion. Wir entschieden uns also für die Durchführung von:
Die Interviews wollten wir mit den Teilnehmenden und mit den Begleiter*innen von Future Move Tanz durchführen. Wir wollten die Motivationen, Erwartungen und Beweggründe sowie das spezifische (Körper-)Wissen der Personen, die am Programm teilnehmen, einbeziehen und später die Reflexion zu den gemachten Erfahrungen dazu im Vergleich hinzuziehen. Außerdem wollten wir Theorien zu spezifischen Themen einbeziehen, wie zum Beispiel institutionelle Zugangsbeschränkungen, Ungleichheitsverhältnisse, Diskriminierung/Inklusion, Kollaboration, Partizipation und Teilhabe, etc. Wir fragten uns damals schon, welche Verantwortung tragen die Institutionen bezüglich ihrer Zugänglichkeit – und für wen sind sie eigentlich zugänglich? Welches Selbstverständnis bezüglich Diversität und Inklusion haben die Akteur*innen der Institutionen? Wie setzen sie es um? Wie entstehen Zugänge? Was meint ein Mitgestalten an den institutionellen Strukturen? Wie werden Ressourcen geteilt? Wie funktioniert ein solidarisches Miteinander? Und welche Verantwortung tragen die jeweiligen Menschen aus den Institutionen, der Kulturpolitik, aber auch den verschiedenen Kontexten des Tanzes? Welche Rolle spielen intersektionale Faktoren wie class, gender, race, dis_ability?
Das Material sollte mit einer Methode aus den Sozialwissenschaften analysiert werden. Unsere Wahl fiel auf die Konstruktivistische Grounded Theory – ein feministisches Vorgehen (Charmaz 2006). Sie bezieht die Situierung der Forschenden und Beteiligten, die Konstruiertheit des Datenmaterials, die Prozesshaftigkeit der Forschungssituation, eine komparative Logik sowie die Interaktion mit allen Faktoren (also Daten, Personen usw.) ein. Das heißt, Interviews, Beobachtungen, Theorien, etc. werden zu jedem Zeitpunkt der Forschung aufgenommen und orientieren den Prozess weiter, neu, um. Das fanden wir passend. Mit den Bewilligungen der Anträge wurde jedoch deutlich, dass wir unsere Ideen anpassen und ein weniger komplexes Vorgehen für den ersten Durchlauf wählen müssten. Aus der beschriebenen, anfangs sehr aus der (sozial-)wissenschaftlichen Forschung heraus gedachten Vorgehensweise, entwickelten Bahar und ich ein Framing, das diesen Orientierungsrahmen der Konstruktivistischen Grounded Theory – Situierung, Prozesshaftigkeit, Komparation, Interaktion und Konstruiertheit (Ballath 2024: 157–193) – aufgriff. Wir entschieden uns aber, mit weniger Datenmaterial zu arbeiten und den Fokus stärker auf den gemeinsamen Reflexionsprozess zu legen.
2 Prozesse reflektieren – Perspektive/n befragen
Nach wie vor sind uns die Motivationsabfrage zu Beginn des Durchlaufs, Interviews mit Teilnehmenden, nunmehr auch Begleiter*innen und Partner*innen sowie teilnehmende Beobachtungen wichtig. Im ersten Durchlauf fanden Interviews beispielsweise nicht mit allen Teilnehmenden und überhaupt nicht mit Kooperationspartner*innen statt. Bahar und ich reflektierten kontinuierlich den Verlauf und ihre Perspektive auf die Prozesse und ihre Erfahrungen. Neben diversen Fragen zu den oben genannten Themen von Zugänglichkeiten, Ungleichheitsverhältnissen, Diskriminierung, etc. hatten diese Reflexionen Auswirkungen auf den Aufbau des Programms sowie die weiterführenden Überlegungen, die dann im zweiten Durchlauf aufgegriffen und kontinuierlich im Prozess weiter entwickelt und erprobt wurden.
Zum Beispiel hatte Bahar im ersten Durchlauf ihre Expertise als Tänzerin und Choreografin nicht auf der praktischen Ebene eingebracht, das änderte sie im zweiten Durchlauf. Partner*innen wurden neben Teilnehmenden interviewt und ihre Perspektive in die Reflexionen von Bahar und mir einbezogen. Und Bahar entwickelte kleine Formate zur gemeinsamen Reflexion mit den Teilnehmenden, um auch hier im kontinuierlichen Austausch zu sein und eine Reflexionspraxis in der Zusammenarbeit zu etablieren. Eine weitere Änderung war, dass eine mehrtägige Reise nach Ponderosa stattfand, um intensiv an dem Eigenprojekt zu arbeiten und die Reise nach Nordrhein-Westfalen wurde zwei Mal angeboten. Diese Änderungen konnten stattfinden, weil alle Beteiligten – also maßgeblich auch die Teilnehmenden des ersten und zweiten Durchlaufs – ihre Erfahrungen und Gedanken mit uns teilten und sich auf die Reflexionsformate einließen.
Hervorheben möchte ich entlang dieser praktischen Beispiele, dass der kontinuierliche Austausch auf den genannten unterschiedlichen Ebenen direkte Auswirkungen auf die Programmentwicklung hat und sich darin niederschlägt. Die Reflexionen ermöglichen demzufolge ein prozessorientiertes Arbeiten und legen Themen, Fragestellungen und aktuelle Herausforderungen offen und wir versuchen entlang der tatsächlichen Förderungen und Menschen, die am Programm teilnehmen und es mit ihrer Expertise bereichern oder begleiten, direkt darauf zu reagieren und immer auch die Bedingungen der Zusammenarbeit in den Blick zu nehmen.
3 Zusammenarbeit: Bedingungen in den Blick rücken
Ich möchte an dieser Stelle einen theoretischen Kontext aufmachen. Der Politikwissenschaftler Oliver Machart erläutert nämlich, wie wichtig eine Offenlegung der Bedingungen ist, wenn es beispielsweise darum geht, ein Bewusstsein für Ungleichheitsverhältnisse zu entwickeln. Erst auf dieser Grundlage ist es möglich, überhaupt erst über die Bedingungen in den Austausch zu gehen und gegebenenfalls daran etwas zu ändern. Er formuliert, dass dafür die offene Thematisierung der Kanonisierungs-, Entkontextualisierungs- und Homogenisierungseffekte […] wie auch die Offenlegung der Definitions- und Exklusionsmacht der Institution [nötig ist]. Diese Offenlegung wird vor allem in jenen Momenten gelingen, in denen in der Institution ein Konflikt und mit ihm Öffentlichkeit entsteht. (Machart 2005: 198) Machart formuliert weiter, dass sich „heute […] diese Art von Politisierung eher auf der Mikroebene und nicht im makropolitischen [findet]. Für eine breite Unterbrechung etablierter Institutionslogiken wäre trotz alledem der Aufbau von Gegeninstitutionen (oder die Veränderung des Charakters gegenwärtiger Institutionen) auf Basis eines breiteren gegenhegemonialen politischen Projektes erforderlich“ (Machart 2005: 198). Beispielsweise wird „im Fall der Gegenkanonisierung […] die Definitionsmacht der Institution genutzt und gleichsam gegen sie selbst gewendet. Diese Strategie zielt weniger auf die Unterbrechung der institutionellen Logik (des Funktionierens des Apparats als Apparat) als auf den zu vermittelnden ‚Inhalt‘“ (Machart 2005: 199). Ich ziehe diese Perspektive Oliver Macharts hinzu, weil die hohe Relevanz der Arbeit von Future Move Tanz sich genau aus diesen theoretischen Überlegungen heraus begründen lässt – nämlich der Frage danach: Wie können wir Bedingungen schaffen, um Ungleichheitsverhältnissen, Exklusionsmacht und Diskriminierung etwas entgegenzusetzen?
4 Ein gemeinsamer FUTURE MOVE
Future Move Tanz versucht mit wenigen monetären Mitteln und einer prekären Förderlogik, mit dem Teilen von Wissen über den Kontext Tanz, Vorabgesprächen mit den Akteur*innen der Institutionen (zum Beispiel über gegenseitige Erwartungen, Wünsche, Erfahrungen) und dem kontinuierlichen Schmieden von Allianzen, an genau diesen Bedingungen zu rütteln, sie zu befragen und dabei immer wieder die eigenen weißen Flecken und Leerstellen zu reflektieren. Mit dem Ziel eines gemeinsamen FUTURE MOVE. Ich möchte meinen kurzen Rückblick mit einer Frage beenden, die uns in der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Menschen im Kontext von Future Move trägt: Wie können wir uns vor diesem Hintergrund gemeinsam eine Zukunft vorstellen, die wir nicht kennen, die wir uns aber wünschen und für die es sich aus unserer Perspektive lohnt in Bewegung zu sein, in Bewegung zu bleiben – sich gemeinsam zu bewegen?
Ballath, Silke (2024): Kontextspezifische (Aushandlungs-)Räume pluraler Beziehungsweisen, München: kopaed.
Charmaz, Kathy (2006): Constructing Grounded Theory. A Practical Guide through Qualitative Analysis, London/Thousand Oaks/New Delhi: Sage Publications.
Marchart, Oliver (2005): Die Institution spricht. Kunstvermittlung als Herrschafts- und als Emanzipationstechnologie, in: Meyer, Torsten/Kolb, Gila (Hg.), What’s next? Art Education. Ein Reader, München: kopaed, S. 194–201.